Der in Frankreich lebende, 1945 in Donaueschingen geborene Ausnahmekünstler Anselm Kiefer sagte in einem Gespräch 2016 auf die Frage: „1990/91 hatten Sie Ihre große Retrospektive in der Nationalgalerie in Berlin. Im Anschluss setzten Sie mit der Kunst mehr oder weniger drei Jahre lang aus. Haben Sie sich damals eine Pause verordnet?“
„Nein, ich habe mir gar nichts verordnet. Ich habe damals eine neue Frau gefunden und bin ihr durch die Welt gefolgt, überallhin. Ich bin eigentlich immer den Frauen gefolgt.“ (Anselm Kiefer, in: Franziska Leuthäußer, Café Deutschland. Im Gespräch mit der ersten Kunstszene der BRD, 26. Januar 2016, Städelmuseum, Frankfurt am Main).
Die Kuratorin und Autorin Petra Giloy-Hirtz nimmt diese Äusserung des Künstlers als Ausgangspunkt für ihr Buch Anselm Kiefer. Die Frauen. Prestel Verlag, 2025, reich illustriertes, gebundenes Buch mit 256 Seiten, 24 x 30 cm, ISBN 978-3-7913-7785-8. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.
2019 begegnete Petra Giloy-Hirtz Anselm Kiefers Frauen (Daphne, Jaia, Kalypso, Medea, Sappho, Octavia, Popaea Sabina, Xanthippe, etc.) auf seinem ehemaligen Ateliergrundstück «La Ribaute» im südfranzösischen Barjac.
Laut Petra Giloy-Hirtz folgt Anselm Kiefer mit seinem Werk den Frauen. Sie inspirierten ihn, an ihnen arbeite er sich ab. Sie seien seine Gesprächspartnerinnen, die ihn begleiteten wie Ingeborg Bachmann mit ihren Gedichten, es seien Freundinnen, Seelenverwandte. Wahrscheinlich gebe es mehr Frauen in seinem Œuvre als Männer. Und dann sei da seine Selbstinszenierung als Frau wie im Künstlerbuch Für Jean Genet (1969), die Transformation des Maskulinen ins Feminine, das Spiel mit Geschlechtsidentität in seinen Selbstporträts im Atelier.
Die 1969 enstandenen „transvestite photographs“ zeigen den damals 24-jährigen Künstler zu Beginn seiner Karriere, als er sich in Crossdressing, Rollenspiel, Performance und Body-Art übte. Anselm Kiefer ist im gehäkelten Kleid mit floralen Mustern in der kreativen Unordnung des Studios auf dem Boden sitzend oder liegend, im Nachtgewand oder im kurzen Rock über seinen Arbeitstisch gebeugt zu sehen.
Auf die Frage von Chris Dercon 2021 im Rahmen der Ausstellung im Grand Palais in Paris, ob er Feminist sei, antwortete Anselm Kiefer, er sei „halb Frau“ („Je suis demi femme“).
Obwohl Frauen in Kiefers Werk omnipräsent seien, stünden seine Imaginationen von Weiblichkeit bisher nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, spielten Frauen in der Rezeption seines Werkes eine untergeordnete Rolle, so Petra Giloy-Hirtz. Allerdings räumt sie einige Ausnahmen ein, darunter Anselm Kiefer. Die Frauen der Antike, Texte von Bernard Comment, Paris 1999; Anselm Kiefer a Villa Medici, Die Frauen, Ausstellung und Ausstellungskatalog, Rom 2005; Dominique Baqué,„Hommage aux Femmes de Colère et de Révolte“, in: Dominiqaue Baqué, Anselm Kiefer. Entre Mythe et Concept, Paris 2015, S. 113–143; Camille Morineau, „La Ribaute: Transitive, it Transforms”, in: Gagosian Quarterly, Juni 2022.
Petra Giloy-Hirtz unterstreicht, dass seit dem Ende der 1960er Jahre Frauen kontinuierlich in Anselm Kiefers Werk erscheinen, zum Beispiel ambivalent wie Lilith, Rebellin, Vertriebene, Schutzgöttin, Dämonin, die wohl bekannteste Frau in Anselm Kiefers Werk. Manche Frauen erschienen über Jahrzehnte hinweg, und das in allen Medien, ob in Gemälde, Aquarell, Holzschnitt, Skulptur, Installation, Buch oder Fotografie.
Die Autorin erinnert daran, dass das kleine Buch mit Collagen, Die Frauen, das Anselm Kiefer 1969 gemacht hat, sein zweites Buch überhaupt war, nach dem vorangegangenen Werk Die Himmel, ebenfalls aus dem Jahr 1969, mit gefundenen eingeklebten „Himmels“-Fragmenten.
Petra Giloy-Hirtz betont, die 2019 von ihr in «La Ribaute» gesehenen Frauen hätten ihr die Tür geöffnet zu den vielen anderen Frauen in Kiefers Werk. Kontinuierlich tauchten sie auf in jenem geheimnisvollen Gewebe von Beziehungen und Verweisen, von sich überlagernden Themen, Motiven und Konstellationen: Märtyrerinnen (Femmes martyres), Heilige, die Frauen der Revolution; Trümmerfrauen und Königinnen (Les Reines de France), Lilith in vielerlei Manifestation und ihre Töchter, Maria, die durch ein Dornwald ging, Brünhilde, die Walküren, fünf kluge Jungfrauen, Aurora, die Göttin der Morgenröte, Berenice, Prinzessin von Kyrene, Margarete in mehr als 30 Arbeiten und Sulamith; hinzu kämen die von Frauen wie Madame de Staël und Ingeborg Bachmann inspirierten Werkzyklen.
Anselm Kiefers Frauen sind eingebunden in Mythos, Geschichte, Politik, Philosophie, Kunst und Dichtung, ob als Geopferte, Leidende, Rebellierende oder Mächtige, im Kontext von Körperlichkeit, Erotik und Sexualität. Der Maler und Bildhauer zeigt berühmte und vergessene, Herrscherinnen, Dichterinnen, Philosophinnen. Es sei, so Petra Giloy-Hirtz, als würde Anselm Kiefer ihnen wie mit seinen Skulpturen Frauen der Antike Präsenz und Sprache zurückgeben und sie in ihrem Denken und Schreiben, in ihrer Vision, Schöpferkraft und Radikalität zum Leben erwecken.
Die Autorin sieht ihre Publikation als eine Einladung, Anselm Kiefers Gesamtwerk in Neugierde und mit dem Augenmerk auf dessen Schöpfungen des Weiblichen zu durchwandern und neu zu lesen.
Der Band Anselm Kiefer. Die Frauen von Petra Giloy-Hirtz entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Anselm Kiefer und enthält auch einige ausgewählte Gespräche und Schriften des Künstlers zum Thema Frauen, so von 1984 bis 2024.
Die Autorin schreibt, Kiefers Arbeiten zu den Frauen seien hochpolitisch, ohne realpolitische Bezüge konkret zu benennen. Sie seien nicht nur Hommage, Monument und Mahnmal, sondern verwiesen auf Zustände, Krisen und Stimmungen von Gegenwart und möglicher Zukunft. Sie erwähnt Kiefers Aussage: „Kunst dient nicht der Illustration von Ideen, die der Intellekt vorgibt, sondern ist paradox und diktatorisch“ (Anselm Kiefer, Die Kunst geht knapp nicht unter. Vorlesungen am Collège de France, München, 2020).
Petra Giloy-Hirtz: Anselm Kiefer. Die Frauen. Prestel Verlag, 2025, reich illustriertes gebundenes Buch mit 256 Seiten, 24 x 30 cm, ISBN 978-3-7913-7785-8. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.

Zitate und Teilzitate in dieser Rezension/Buchkritik von Anselm Kiefer. Die Frauen sind der besseren Lesbarkeit wegen nicht zwischen Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt.
Rezension/Buchkritik von Anselm Kiefer. Die Frauen vom 7. Januar 2026. Hinzugefügt um 11:43 deutscher Zeit.