Der im oberbayerischen Rosenheim zur Welt gekommene Hermann Göring (12. Januar 1893 – 15. Oktober 1946), der spätere Hitler-Scherge, war der Sohn eines promovierten Juristen, der unter anderem zwischen 1892 und 1895 als Ministerresident für Haiti und die Dominikanische Republik in Port-au-Prince tätig war. Im Gegensatz zu anderen Kindern der Patchwork-Familie gab die Mutter den rund dreieinhalb Monate alten Hermann in die Obhut der Familie ihrer Schulfreundin Therese Graf in Fürth, als sie 1893 zu ihrem Mann in die Karibik fuhr. Erst im Alter von anderthalb Jahren sieht der Junge seine Mutter wieder.
Hier interessiert uns weniger die Jugend von Hermann Göring, die sein Biograf Andreas Molitor in seinem Buch Hermann Göring. Macht und Exzess. Eine Biografie (Verlag C.H. Beck, 2025, 411 Seiten mit 35 Abbildungen, Hardcover. ISBN: 78-3-406-83640-4. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und die Biografie bestellen bei Amazon.de) ebenfalls nachzeichnet, als vielmehr der führende Nazi, der mithalf, dass Adolf Hitler sich zum Diktator aufschwingen konnte.
Andreas Molitor wendet sich zurecht entschieden gegen romantisierende Darstellungen des Fliegerasses aus dem Ersten Weltkrieg, das 1918 mit dem Orden Pour le Mérite, der höchsten Tapferkeitsauszeichnung, geehrt wurde. Hermann Göring behauptete von sich beim Kriegsverbrecher-Prozess von Nürnberg: «Ich bin, was ich immer gewesen bin: der letzte Renaissance-Mensch».
Andreas Molitor fragt sich vielmehr, warum aus dem jungen Mann aus gutem Hause der zweithöchste Nazi werden konnte, der über Leichen ging, wenn es seinen Zwecken diente. Göring habe Anfang der 1930er Jahre Hitler bei den bürgerlich-konservativen Eliten salonfähig gemacht und ihm damit den Weg geebnet. Göring sei bereit gewesen, zwanzig oder dreissig Millionen Menschen dem Hungertod preiszugeben. Mit seinen antisemitischen Verordnungen auf administrativem Weg habe er den Pfad nach Auschwitz bereitet sowie Reinhard Heydrich, den Leiter des Reichssicherheitshauptamts, damit beauftragt, ihm «in Bälde einen Gesamtentwurf» «zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen». Laut Andreas Molitor verdeckten Mythen das Manipulative, Berechnende und zutiefst Bösartige in Hermann Göring mit pittoresker Tünche; sie verklärten und verharmlosten ihn.
Der Autor zitiert Wolfram Pyta, den er Anfang 2023 für die vorliegende Biografie interviewte, mit den Worten, in den letzten Jahren der Weimarer Republik habe sich Göring als der «kompletteste politische Akteur in der Riege des Führungspersonals der NSDAP» erwiesen. Als Einziger sei er in der Lage gewesen, «die gesamte Klaviatur des politischen Betriebs jener Zeit zu bespielen» – mit Ausnahme seiner eklatanten politisch-programmatischen Defizite.
Laut Andreas Molitor war Hermann Göring aus der nationalsozialistischen Nomenklatura der Einzige, der Hitler hätte ersetzen können – und echte Sympathien in Teilen der Bevölkerung genoss. Düstere Figuren wie Goebbels, Himmler oder Hess dagegen seien nicht zustimmungsfähig gewesen. Er wiederholt, in der Riege der NS-Grössen sei Göring zudem der «kompletteste Politiker» gewesen. Nur er habe dank seines Fähigkeitsspektrums – Intelligenz, Wandlungsfähigkeit, Brutalität, Machtgier, Zielstrebigkeit, Intriganz, Kommunikationsstärke und Volksnähe – «auf der gesamten Klaviatur des politischen Systems seiner Zeit» spielen können. Allerdings sei er nicht immer Herr der Lage gewesen; er habe sich verzettelt, verbraucht, langweilte sich in der Vielzahl seiner Ämter und Posten. Ausserdem habe zu seinen grössten Schwächen gehört, dass er nicht der Fleissigste gewesen sei.
Göring beanspruchte laut Andreas Molitor Macht primär für sich selbst. Doch der Weg zur absoluten Herrschaft im Führerstaat sei ihm versperrt geblieben. Göring selbst habe sich Hitler bei einer ihrer ersten Begegnungen bedingungslos verschrieben. Als Hitler seinem zweiten Mann im Verlauf des Krieges seine Gunst entzogen habe (Niederlage in der Luftschlacht um England, Verlorene Schlacht um Stalingrad, etc.) sei sein Stern gesunken. Es habe ihm nicht genutzt, dass er sich seinem Führer in peinlicher Unterwürfigkeit ergeben habe.
Je mehr Görings politische Macht nach den ersten schweren militärischen Fehlschlägen im Krieg geschwunden sei, desto hemmungsloser habe er sich seinen Passionen hingegeben – ausschweifende Geburtstagsfeste, Staatsjagden, üppige Festmahle, illustre Verkleidungen, tägliche Betäubung mit Paracodin, einem schmerzstillenden Opioid, sowie der Jagd nach (meist geraubten) Kunstwerken. Seine politischen Rivalen, allen voran Goebbels und Himmler, hätten sich Görings Rückzug in die private Prasserei geschickt ausgenutzt, um Stück für Stück seine Macht zu übernehmen.
Das Couplet, mit dem Claire Waldoff die Vorliebe des immer fetter werdenden Göring für Lametta verspottete, erwähnt Andreas Molitor nicht. Neben dem «Lametta-Heini» fehlt ebenso der Hinweis auf den «Goldfasan», der insbesondere auf den Reichsminister der Luftfahrt und seine Vorliebe für Fantasieuniformen gemünzt war, auf die der Autor allerdings eingeht. Bereits aus dem Jahr 1923 gibt es eine Fotografie (in der Biographie abgebildet), auf der Hermann Göring als SA-Führer in einer von ihm selbst kreierten Fantasieuniform posiert.
Andreas Molitor widmet sich Hermann Görings Faible für die Jagd, erwähnt jedoch nicht, dass dieser Nazi bereits 1933, noch als preussischer Ministerpräsident, die Vivisektion verbot. Hitler war ja Vegetarier. Ging es den Nazis nur um Naturverbundenheit und Tierliebe? Nein. Neben dem Kampf gegen wissenschaftliche Tierversuche an lebenden Tieren ging es den Nationalsozialisten vor allem um das Schächten von Schlachttieren, und dies mit einem antisemitischen Unterton. Göring war nicht nur Tierversuchsgegner, sondern gleichzeitig Reichsjägermeister, «Schirmherr der Jagd», der riesige Jagdgründe besass. Gegen Experimente an Juden – anders als an Tieren – hatte er nichts einzuwenden.
Zurück zu Andreas Molitor: Herman Göring nur als selbstverliebten, geltungssüchtigen, übergewichtigen Bonvivant zu sehen, der geradezu den Prototyp des Suchtmenschen verkörpere, der zunehmend von der Realität entrückt sei, ein Leben wie im Rausch führe, sich seiner Morphiumsucht hingebe, Kunst, Hofschranzen, Posten und Orden anhäufe und sich der Prasserei und Völlerei masslos und zügellos hingebe, das trage zur Verklärung bei. Die Wirkungsstärke von Paracodin, das Göring nahm, betrage lediglich ein Sechstel bis ein Zehntel derjenigen von Morphin.
Andreas Molitor schreibt, dass nach starken Zahn- und Kieferschmerzen 1937 Görings Zahnarzt ihm erstmals Paracodintabletten verschrieb. Nachdem die Beschwerden abgeklungen waren, verlangte Göring weiter nach dem Medikament – möglicherweise auch aus Angst, erneut morphiumsüchtig zu werden. Er konsumierte Paracodin bis zum Ende des Krieges in immer höherer Dosierung – von anfangs 10 auf bis zu 100 Tabletten pro Tag. Das verwundere Experten angesichts der «hochgradigen Toleranz, die Patienten gegenüber Opiaten relativ schnell entwickeln», keinesfalls. Oral eingenommenes Paracodin versetze keinen Kick, führe nicht zu einer Art «Morphiumtaumel». Laut einem Experten nehme man Dinge wesentlich stumpfer wahr, sehe keine Notwendigkeit, sie gleich anzupacken – was laut Andreas Molitor Hermann Görings Desinteresse am Krieg zumindest teilweise erklären könnte.
In der amerikanische Gefangenschaft 1945 kam es zum Paracodin-Entzug, wobei Göring, ausser einer leichten Gereiztheit, keine Entzugssymptome zeigte. Für Andreas Molitor handelt es sich bei Görings angeblicher Morphiumsucht um eine «wohlgehegte Legende».
Als Blaupause für die «Entjudung der Wirtschaft» im Dritten Reich diente Göring laut Molitor das im März 1938 annektierte Österreich. Seine Arisierungsexperten lieferten dort ihr Gesellenstück ab. Nachdem Göring am 28. März 1938 die «Arisierung» der österreichischen Wirtschaft angeordnet hatte, ging die «Entjudung» schnell und planmässig vonstatten. Bis zum Jahresende, verkündete der österreichische Wirtschafts- und Finanzminister Hans Fischböck auf der Konferenz am 12. November 1938 voller Stolz, seien «von 17 000 Geschäften 12 000 oder 14 000 geschlossen und der Rest arisiert». Göring zeigte sich darüber begeistert: «Das wäre hervorragend! (…) Dann würde in Wien, einer der Hauptjudenstädte sozusagen, bis Weihnachten oder Ende des Jahres diese ganze Geschichte wirklich ausgeräumt sein.»
Bezüglich der «Endlösung» notiert Andreas Molitor, dass im Januar 1939 das Auswärtige Amt mit dem Gedanken spielte, ausserhalb von Palästina ein «jüdisches Reservat» einzurichten. Im Sommer 1940 entstand im Reichssicherheitshauptamt «in enger Fühlungsnahme» mit dem «Judenreferat» D III des Auswärtigen Amts und unter Mitarbeit der Vierjahresplanbehörde die Idee, alle unter deutscher Herrschaft lebenden Juden nach Madagaskar zu senden. Als der Madagaskarplan nach zwei Monaten zum Scheitern verurteilt war, weil ein Sieg über Grossbriannien vorläufig nicht zu erwarten war, war zunächst lediglich von einem «noch zu bestimmenden Zielgebiet» für die «Endlösung» die Rede. Am 26. März 1941 erhielt Göring von Heydrich den ersten Entwurf eines Plans zur «Gesamtevakuierung aus Europa». Laut Andreas Molitor ging es damals um die Sowjetunion.
Am 31. Juli 1941 beauftragte Göring Heydrich damit, «alle erforderlichen Vorbereitungen (…) für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa» zu treffen und ihm zudem «in Bälde einen Gesamtentwurf (…) zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen».
Die Bedeutung dessen, was unter «Endlösung der Judenfrage» zu verstehen ist, habe sich zwischen Mitte 1940 und Anfang 1942 verschoben. Aus «Abschiebung» wurde «Vernichtung». Ende Juli 1941 seien sich möglicherweise weder Göring noch Heydrich dessen bewusst gewesen. Andreas Molitor verweist dabei auf den Historiker Peter Longerich: «Was nun die Beteiligten (…) unter der eigentlichen ‹Endlösung› innerhalb der zu besetzenden Sowjetunion verstanden, ist nicht klar.» Womöglich seien Göring und Heydrich noch der Überzeugung gewesen, die «Endlösung» durch eine Massenabschiebung in entlegene Gebiete der Sowjetunion zu bewerkstelligen, wie Heydrich es ein halbes Jahr später bei der berüchtigten Wannsee-Konferenz, an der Göring nicht teilnimmt, als «weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer» nahelegte.
Andreas Molitor verweist zudem auf den US-Historiker Christopher Browning, der im Gegenteil davon überzeugt ist, dass Göring bei Heydrich «eine ‹Machbarkeitsstudie› über einen Massenmord von noch nie dagewesenem Ausmass» bestellt hat. Angesichts der schrittweisen Radikalisierung der Vernichtungspolitik vor Ort durchlaufe Görings Auftrag zu einer «Machbarkeitsstudie» eine nicht mehr aufzuhaltende Metamorphose zum Mordbefehl. Allein schon deshalb zählt Göring für Browning ganz klar zu den Wegbereitern des «bürokratisch organisierten Massenmordfliessbandes». Diese wichtige Phase ist in der Göring-Biografie natürlich detailreicher nachzulesen.
Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen nach dem Krieg ging Hermann Göring, befragt zu seiner Rolle in der Judenpolitik, so weit, allen Ernstes zu behaupten, die Nationalsozialisten hätten die Juden lediglich aus einer Art Notwehr ins Visier genommen. Andreas Molitor schreibt zurecht von einer absurden Verdrehung der Tatsachen. Ich würde den Terminus Täter-Opfer-Umkehr (victim blaming) benutzen.
Am 1. Oktober 1945 wurde Hermann Göring in Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt. Am Vorabend der geplanten Vollstreckung des Urteils beging er am 15. November 1946 in seiner Gefängniszelle Selbstmord durch die Einnahme von Blausäure. Andreas Molitor bezeichnet dies als eine letzte hämische Geste der Eitelkeit und der Missachtung des Gerichts durch Hermann Göring.
Wo Quellen und Literatur nicht weiterhalfen und sein eigenes Wissen über Morphiumabhängigkeit, frühkindliche Bindungen, Intelligenzmessung, Rhetorik oder die Malerei der Renaissance lückenhaft blieben, hat Andreas Molitor laut eigener Aussage Experten um Rat gefragt – Kinderpsychiater, Intelligenzforscher, Psychopharmakologen, Kunsthistoriker und Propagandaforscher.
Dies sind nur einige Passagen, Stichwörter und Schlaglichter aus der umfangreichen, von Andreas Molitor verfassten Biographie: Hermann Göring. Macht und Exzess. Eine Biografie. C.H. Beck, 2025, 411 Seiten mit 35 Abbildungen, Hardcover. ISBN: 78-3-406-83640-4. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und die Biografie bestellen bei Amazon.de.

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Rezension/Buchkritik von Hermann Göring. Macht und Exzess. Eine Biografie vom 6. Februar 2026. Hinzugefügt um 09:40 deutscher Zeit. Aufdatiert um 09:44.