Johannes Robert Schürch

Jan. 01, 2026 at 19:47 76

Der grossartige Schweizer Künstler Johannes Robert Schürch (1895–1941) ist wenig bekannt. Auch dem Schreibenden sagte der Name vor dem Lesen der reich illustrierten Monographie Visionär in der Enge nichts.

Die vorliegende Monographie basiert auf dem Referenzwerk von Peter F. Althaus aus dem Jahre 1991 (Limmat Verlag, Zürich). Es wurde von Beat Bucher erweitert und aufdatiert, so insbesondere das Kapitel I zur Biographie und das Kapitel III zum Werk. Die übrigen drei Kapitel und die vier Einschübe sind neu, wobei das Kapitel II zu den Schlüsselbeziehungen naturgemäss das Kapitel I ergänzt und das Kapitel IV zur Rezeption auch Anleihen nimmt bei der Edition von 1991, jedoch – da Althaus heute selbst Teil der Rezeptionsgeschichte ist – weit darüber hinaus geht. Das abschliessende Kapitel V befragt nach einhundert Jahren Schürch-Rezeption das Aussenseitertum des Künstlers und unsere Wahrnehmung davon. Im Anhang finden sich die Chronik der Ausstellungen und die Bibliographie zu Schürch.

Beat Bucher, Peter F. Althaus: Visionär in der Enge. Johannes Robert Schürch (1895–1941), Hirmer Verlag, 2025, 376 Seiten mit 261 Abbildungen, 24 x 30 cm, Hardcover. ISBN: 978-3-7774-4572-4. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.

Schürch sagte: «Ich will malen und Mensch sein, sehr einfach». Tatsächlich aber sollte das Einfache sehr schwierig werden, ein Leben lang; denn dieses Einfache, die Einheit von Kunst und Leben, musste Schürch stets neu erringen. Alltäglich war die Erfahrung der Zerrissenheit, der Kluft zwischen Kunstanspruch und Lebenswirklichkeit, an der er litt und verzweifelte, so Beat Bucher.

Laut dem Autor prägte Johannes Robert Schürch (1895–1941) die Frühmoderne in der Schweiz massgeblich. Menschen, Traumbilder und Landschaften bestimmen seine Zeichnungen, Gouaches, Pastelle, Tusche-Arbeiten, Aquarelle und Gemälde. Der Künstler schuf Werke des Realismus und des Expressionismus. Einige Werke sind epigonal. Daneben war er ein eigenständiger Zeichner zwischen Honoré Daumier, Käthe Kollwitz, Alfred Kubin, George Grosz und Otto Dix. Er studierte die Grafiken von Daumier, Toulouse-Lautrec, Munch und Goya sowie, bereits als Jugendlicher, Werke von Goya, Cezanne, Rouault, Hodler, Picasso oder de Chirico.

Beat Bucher unterstreicht unter anderem, dass Johannes Robert Schürch sich für das Unfertige begeisterte, eine offenkundiges Desinteresse am Abgeschlossenen zeigte. Dies habe zur Folge, dass Schürchs künstlerische Entwicklung als eine Suche nach allen Seiten und in alle Richtungen verlaufe, nicht so abgrenzbar etappiert wie beim darin verwandten Picasso, auch nicht so fremdbeeinflusst wie bei gar nicht verwandten Künstlern, die sich am jeweils aktuellen Mainstream aus Paris oder Berlin orientierten.

Beat Bucher unterstreicht, dass viele Werke im Nachlass von Johannes Robert Schürch weder mit einem Datum noch mit einem Titel versehen seien. Das erwecke den Eindruck, als spiele für ihn die chronologische Entwicklung seines Schaffens kaum eine Rolle. Es gebe keine Formel für sein Gesamtwerk,, seine Handschrift sei unverkennbar, aber eine Marke sei sein Werk nicht.

Laut Beat Bucher gehörten die Werke von Johannes Robert Schürch zur raren Schnittmenge der zwei grossen Ausstellungen im Kunstmuseum Winterthur 2017/18 und 2021/22 Neu. Sachlich. Schweiz und Expressionismus Schweiz. Neben Eduard Gubler war Schürch der einzige, der in beiden Ausstellungen mit je einer gewichtigen Werkgruppe vertreten war.

Gemäss Beat Bucher ist Schürchs Expressionismus eine eigenständige Form gestauter Expressivität, die nicht zeitgebunden, seine Sachlichkeit ein visionärer Realismus, der nicht stilgebunden sei im üblichen Sinn. Es falle deswegen nicht etwa zwischen die Kategorien, sondern er sprenge sie. Der Autodidakt, der Selbstdenker, der Nonkonformist, der keiner Künstlergruppe zugehörige Schürch sei ein ziviler Wilder, ein unheroischer Radikaler. Sein Naturell interessieret sich für Regeln nur, um ihre Ausnahmen kennenzulernen.

Im Buch finden sich Kapitel zu Schürchs Zeit in Genf, Choëx, Florenz, Locarno Monti und Ascona, zu vier Schlüsselbeziehungen (zu seiner Mutter, zum lebenslangen Künstlerfreund Walter Kern, zum Sammler Kurt Sponagel sowie zu seiner letzten Freundin, Erica Leutwyler, der Retterin seines Werks). Zum Werk und zur Werkinterpretation finden sich Kapitel zur Entwicklung des Künstlers und zu seinen Techniken. Hundert Jahre Rezeptionsgeschichte und ein Kapitel zur Aktualität des Aussenseiters runden den Band ab.

Das sind nur einige ganz wenige Angaben aus der lesens- und sehenswerten Monographie von Beat Bucher und Peter F. Althaus: Visionär in der Enge. Johannes Robert Schürch (1895–1941), Hirmer Verlag, 2025, 376 Seiten mit 261 Abbildungen, 24 x 30 cm, Hardcover. ISBN: 978-3-7774-4572-4. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.

Zu den Autoren: Beat Bucher ist Historiker, freier Autor und lebt in Luzern. Peter F. Althaus (ϯ) war Kunsthistoriker, leitete das Kunstmuseum Luzern und die Kunsthalle Basel, war freier Publizist und Hochschuldozent.

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Rezension/Buchkritik von Visionär in der Enge. Johannes Robert Schürch (1895–1941) vom 1. Januar 2026. Hinzugefügt um 19:47 deutscher Zeit.