Björn Höcke bei Roger Köppel

Juni 17, 2026 at 13:01 243

Am 7. Juni 2026 stiess ich per Zufall auf ein damals brandneues Interview des Weltwoche-Chefs und Provokateurs Roger Köppel mit dem Rechtsextremisten Björn Höcke von der AfD. Roger Köppel fällt immer mal wieder mit grotesken Einschätzungen auf, so 2026 mit Artikeln und Stellungnahmen zu Viktor Orban und den Wahlen in Ungarn, in denen er die im April 2026 mit einer Zweidrittelmehrheit abgewählte Proto-Diktatur verteidigte. Björn Höcke wiederum äussert sich nicht nur immer mal wieder verharmlosend zum Nationalsozialismus und greift die Demokratie in Deutschland an, sondern führte als Chef der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag die AfD bei der Landtagswahl in Thüringen vom 1. September 2024 mit 32,8% der Stimmen und 32 von insgesamt 88 Sitzen zur stärksten Partei im Thüringer Landtag.

Im Juni 2026 behauptete Björn Höcke in einem über zweistündigen, weitgehend unkritischen Interview mit Roger Köppel unter anderem, der Amerikanismus sei die Antithese zum Deutschtum. Deutschland habe sich eine Ersatzidentität geschaffen. Er, Björn Höcke, sei kein Antiamerikaner, doch pochte er im Gespräch auf das Recht auf ein Eigenleben Deutschlands gegenüber den USA, die er als ein verrückt gewordener Hegemon bezeichnete, der sogar die deutsche Infrastruktur zerstöre. Die transatlantische Freundschaft sei zerstört worden. Er, Björn Höcke, stelle die Kooperation (mit den USA) nicht in Frage, aber er betonte erneut das Recht auf ein Eigenleben Deutschlands und nannte dabei Stichworte wie Volk, Vaterland und Kultur.

Auf die Frage von Roger Köppel, ob er nicht eine gewisse Häutung durchmachen müsste, antwortete Björn Höcke, er sei der Versöhner. Doch die Diskussion müsse erzwungen werden. Die Brandmauer der Kartellparteien verhindere dies. Die Kriegsgefahr mit Russland sei real. Gleichzeitig betonte Björn Höcke: «Ich will nicht zurück in die Vergangenheit. Es gibt auch keinen Weg zurück in die Vergangenheit.»

Der AfD-Politiker führte aus, Identität heisse, ins Eins fallen. «Wir [also die Deutschen] müssen uns wieder versöhnen.» Die Sieger-Geschichtsschreibung müsse enden. Höcke wandte sich gegen die Blockade im Diskurs, gegen die Politik, die AfD hinter einer Brandmauer zu halten. Er sprach vom «umgekehrten Totalitarismus», von einem digitalen Gefängnis. Die Menschen würden in Angst gehalten, so in der Coronakrise. Tiefgreifende Reformen in Deutschland seien nötig. Die Mediatisierung müsse beendet werden. Deutschland müsse von der Schweiz lernen, wobei der das Stichwort direkte Demokratie nannte. In Deutschland müsse die Gemeinschaftsorientierung gegen Partikularinteressen durchgesetzt werden. Deutschland brauche einen Friedensvertrag, der 2+4 Vertrag sei keiner. Es gehe um die Zurückgewinnung der eigenen, deutschen Identität. Björn Höcke behauptete zudem, die Gewaltenteilung sei in Deutschland stark eingeschränkt.

Björn Höcke behauptete, er sei ein Konservativer, aber auch ein Freiheitlicher. Er wolle eine eidgenössische EU. Der AfD-Politiker betonte: «Die EU muss weg, und die EU ist meiner Meinung auch schon tot. Weil Deutschland wird diese EU nicht mehr finanzieren können. Und wenn Deutschland als Zahlmeister ausfällt, wird dieses Konstrukt kollabieren.»

Björn Höcke fügte hinzu, sein Traum wäre es, ein unabhängiges Europa zu haben. Der deutsche Nationalstaat sei der Nationalstaat einer verspäteter Nation. Deutschland sei über Jahrhunderte Spielball von Nachbarn gewesen, die bereits einen Nationalstaat gehabt hätten.

Björn Höcke sagte, die Deutschen seien ja ein begnadetes Volk. Deutsch sei die Wirtschaftssprache Nummer 1 gewesen. Er betonte, Bismarcks Nachfolger hätten schwerwiegende Fehler gemacht. Zudem meinte er: «Ich würde mich sogar als Neo-Bismarckianer bezeichnen.» Deutschland sei saturiert, etc.

Björn Höcke wandte sich gegen die «deutsche Hypermoral, für die wir immer wieder abgestraft werden», gegen die furchtbare moralische Überheblichkeit, die im Desaster ende, wobei er unter anderem das Resultat beim European Song Contest sowie die Ablehnung der Wahl Deutschlands in den UNO-Sicherheitsrat als Beispiele erwähnte.

Björn Höcke behauptete, in den 2000er Jahren sei die Ukraine ganz klar russophil eingestellt gewesen. Dann seien NGOs und westliche Geheimdienste gekommen und hätten dieses Land systematisch unterwandert und einer Charakterwäsche unterzogen. Nuland [Victoria Nuland, US-Diplomatin und unter anderem  von 2013 bis 2017 Assistant Secretary of State for European and Eurasian Affairs im US-Aussenministerium] habe man für diese Wühlarbeit angestellt. Die Euromaidan-Revolution von 2014 in der Ukraine nannte Björn Höcke einen von westlichen Geheimdiensten inszenierten Putsch. Auf westliches Geheiss seien die Zügel wieder angezogen, der NATO-Beitritt und der EU-Beitritt der Ukraine forciert worden. 2008 sei die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine in Betracht gezogen worden, wobei Björn Höcke betonte, Merkel soll damals sogar dagegen gewesen sein.

Dass Merkel dagegen war, stimmt. Auch der französische Präsident Sarkozy war dagegen gewesen. Zudem gab es damals in der Ukraine für den NATO-Beitritt keine Mehrheit. Doch wie zumeist vermischte Höcke im Gespräch Fakten mit Halbwahrheiten, Propaganda und dreisten Lügen, wie jener vom von westlichen Geheimdiensten inszenierten Putsch in Kiev 2014.

Zur früheren Karriere des heutigen Kanzlers Friedrich Merz bei Blackrock sprach Björn Höcke polemisch von der «Ausplünderung der deutschen Volkswirtschaft» und fügte hinzu, Merz scheine noch heute für diesen Arbeitgeber zu arbeiten. Merz befeure den Kriegskurs gegen Moskau, um die Interessen des Arbeitsgebers Blackrock in der Ukraine zu bedienen. Es geht nicht um Menschenrechte, sondern um Bodenschätze und Macht.

Björn Höcke verwies auf Verhandlungen in Belarus und Istanbul zwischen dem Westen und Russland und der Ukraine. Er behauptete, es seien nicht die deutschen Eliten, sondern die westlichen Eliten gewesen, die die Ukraine gegen Russland ins Feld geführt hätten, die es akzeptierten, und für die es völlig in Ordnung sei, dass «jeden Tag Tausend junge Männer – ob es Russen oder Ukrainer sind – einen qualvollen Tod sterben. Und das seit Jahren.»

Björn Höcke behauptete, (deutsche) Steuergelder würden eingesetzt, um diesen Krieg zu verlängern, um den Krieg in die Tiefe nach zu tragen. Hier wie anderswo vollzog Björn Höcke ein Täter-Opfer-Umkehr. Die Ukraine und der Westen sind am Tod Tausender Schuld.

Roger Köppel fragte Björn Höcke im Interview, ob er nicht einen Phantomschmerz habe, dass eine mässigende Stimme wie Scholz fehle. Björn Höcke antwortete, der etwas tattrige Biden habe gesagt, die USA würden Nordstream sprengen, wenn Russland in die Ukraine einmarschieren würde. Scholz sei daneben gestanden wie ein kleines Kind, wie ein begossener Pudel, und habe gegrinst. Dies seien eben keine deutschen Politiker. Er [Björn Höcke] habe schon vor 15 Jahren gesagt, die die gewählt würden, hätten nichts zu sagen, und die, die was zu sagen hätten, würden nicht gewählt.

Danach stellte Björn Höcke die demokratischen Wahlen im Westen in Frage Wie werde überhaupt in demokratischen Staaten gewählt? Er sprach danach unter anderem von der Wühlarbeit von NGOs.

Auf die Frage von Roger Köppel, wie nahe wir (Deutschland, der Westen) an einem Krieg (mit Russland) sie, meinte Björn Höcke: «So nahe wie seit der Kubakrise nicht mehr.» Gleichzeitig betonte er, Russland habe Probleme, unter anderem eine Demographiekrise, so wie Deutschland. Zudem habe Russland eine weiche Südflanke, der Islam dringe immer weiter vor.

Dann verstieg sich Björn Höcke zur Behauptung, wenn Putin nicht wäre, wenn Lawrow, den er als Aussenminister achte, nicht wäre, wenn eine heissblütige zweite Garde an die Macht käme, dann könnte es ganz schnell zum Krieg kommen. Putin sei seiner Meinung nach nicht derjenige, der eskalieren wolle, sondern derjenige, der bis zuletzt versuche, die Eskalierung zu vermeiden.

Björn Höcke fügte hinzu, natürlich sei Russland auch eine imperiale Macht. Er behauptete zudem, die übergeordnete Zielsetzung amerikanischer und britischer Aussenpolitik sei gewesen, ein Zusammengehen von Deutschland und Russland zu verhindern. Die Seemächte wollten nicht, dass der eurasische Kontinent zu einer Einheit komme. Russland gehöre für ihn zu Europa. Ohne Russland gebe es keinen Frieden in Europa. Putin habe 2001 im Bundestag gestanden und mehr oder weniger darum gebeten, dass Russland Mitglied der NATO werde könne. Björn Höcke sprach von den vielen Gemeinsamkeiten zwischen Russland und Europa, wobei er die Geschichte, die Kultur und den gemeinsamen christlichen Hintergrund hervorhob und für Kooperation mit Russland plädierte. Russische Rohstoffe und deutsche bzw. westeuropäische Technologien wären natürlich eine Synthese, die ein wahnsinniges Potenzial hätte. Doch der amerikanische Hegemon würde dies nicht erlauben.

Auf die Frage von Roger Köppel, ob Trump für Höcke kein Hoffnungsträger mehr sei, sagte der AfD-Politiker: «Doch. Ich glaube, dass Trump ein hochinteressanter Politiker ist. Ich kenne ihn ja jetzt nicht persönlich. Ich kann ihn nicht einschätzen. Ich weiss nicht, ob er über Bildung verfügt….»

Danach spekulierte Höcke über die Möglichkeit eines deutschen Kanzlers als Brückenbauer. Er erwähnte, dass Putin fliessend deutsch spricht und die deutsche Kultur nachweislich hoch schätze, und dass Trump deutsche Vorfahren habe und schon auf Verwandtenbesuch in Deutschland gewesen sei. Was wäre, wenn diese drei Männer korrespondieren würden, wenn die drei Männer sich begegenen würden? In der Politik komme es oft auf die konkrete Begegnung an. Er erwähnte den gemeinsamen Saunabesuch von Kohl und Gorbatschow. Dabei sei viel gute Politik gemacht worden. Was wäre bei einer Begegnung dieser drei Politiker für Deutschland, Europa und die Welt möglich?

Roger Köppel erwähnte ein Interview mit dem Liberalen Otto Graf Lambsdorff, der ihm einst gesagt habe, seine Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg sei gewesen, nie wieder Krieg. Mit der Droge des Nationalen könnten die Deutschen nicht umgehen. Was sei Höckes Lehre aus 12 Jahren Nazi-Diktatur?

Höcke antwortete, für Deutschland könne es nur heissen, nie wieder Krieg, und nie wieder Diktatur, im Brustton der Überzeugung. Höcke betonte, er sei ein extrem freiheitsliebender Mensch, und er leide so sehr unter der geistigen Enge in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2026. Er möchte, dass jeder seine Meinung frei äussern könne. Jede Art von Totalitarismus sei ihm völlig fremd, und entspreche auch nicht der deutschen Seele, dem deutschen Geist, und der deutschen Identität. Der Zivilisationsbruch (der Nazi-Diktatur) sei für ihn fast nicht zu erklären, weil die Deutschen auf einem zivilisatorischen Niveau waren, wo kaum ein anderes Volk der Welt gewesen sei. Die Verbrechen der Nazi-Zeit seien nicht im Namen des deutschen Volkes geschehen, sondern unter den Bedingungen einer Diktatur, und es sei ein Riesengeheimnis darum gemacht worden. Das erkläre nichts, es habe Mitläufer gegeben, gar keine Frage, aber dieses Verbrechen sei nicht im Namen des deutschen Volkes geschehen.

Zwischendurch hatte Björn Höcke Kreide gefressen. Doch wie erwähnt mischte er Fakten mit Halbwahrheiten, Propaganda und dreisten Lügen. Die AfD versucht, die Geschichte neu zu schreiben und toleriert in ihren Reihen (Politiker und Mitarbeiter von Politikern) Extremisten, Verharmloser des Nationalsozialismus, Neurechte, Identitäre sowie Neonazis.

Das ganze Interview anschauen, das noch viel mehr Informationen enthält! Siehe zur AfD zudem die Rezensionen der Bücher von Justus Bender und Michael Kraske und Dirk Laabs.

Björn Höcke im Jahr 2024. Photograph: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license. Foto von Steffen Prößdorf (via Wikipedia).

Artikel vom 17. Juni 2026. Hinzugefügt um 13:01 deutscher Zeit. Tippfehler um 16:40 korrigiert.