Der deutsche Aussen- und Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter (*1963) von der CDU hält regelmässig und konsequent gegen Putin-Versteher. Im Vorwort zu Kiesewetters Buch Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung schreibt der Militärhistoriker Sönke Neitzel (*1968), dass Kiesewetter 2009 als Oberst im Generalstab im Alter von 46 Jahren von den Streitkräften ins Parlament wechselte. Zuvor hatte er in 27 Jahren bei der Bundeswehr, Auslandseinsätzen und in der NATO eine Fachkenntnis erworben, die es so im Bundestag selten gibt. Seit seinem Wechsel in die Politik gewann er im Wahlkreis Aalen-Heidenheim stets das Direktmandat.
Roderich Kiesewetter: Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung. Ullstein Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, Februar 2026, 288 Seiten. ISBN 978-3-430-21219-9. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und die Biografie bestellen bei Amazon.de.
Sönke Neitzel hebt hervor, Kiesewetters Erlebnisse aus dem Afghanistaneinsatz seien denkwürdig. Damals seien weder die Kanzlerin noch ihr Generalinspekteur den Anforderungen der Zeit gerecht geworden. Damals zeigte sich bereits, dass der höchste Militär sich vor allem als Erfüllungsgehilfe der Politik verstand und darüber die Loyalität mit den ihm anvertrauten Soldaten arg strapazierte.
Laut Sönke Neitzel argumentiert Roderich Kiesewetter, dass der Angriff Russlands auf ein NATO-Land in den kommenden zwei Jahren sehr wahrscheinlich sei, wenn Europa und Deutschland weiter eine Politik der Verzagtheit betrieben. Er schildert etliche denkbare Szenarien, darunter eine Besetzung des Suwalki-Gaps, ein Austesten Finnlands in Nord-Karelien, die Besetzung des estnischen Narwas oder die russische Annexion Gagausiens – einer autonomen Region Moldaus. Ich würde hinzufügen: Daugavpils in Lettland wäre ebenfalls ein Ziel, von dem fast niemand redet (hier erwähnt). Niemand könne die Zukunft voraussagen, aber es seien solche Szenarien, die in den einschlägigen Sicherheitskreisen als mögliche russische Aktionen diskutiert würden, so Sönke Neitzel.
Roderich Kiesewetter schreibt in Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung, alle jahrelangen Warnrufe, mehr Lasten von den USA zu übernehmen, seien in früheren Jahren verhallt. Ebenso alle Warnungen, Deutschland müsse wieder verteidigungsbereit sein. Warum sollten 330 Millionen US-Amerikaner die Sicherheit von 500 Millionen Europäern gegenüber 140 Millionen Russen organisieren? Schon die erste Amtszeit von Präsident Trump uns warnen müssen. Jetzt setze er seine damals bereits bekannten Interessen gnadenlos um, schiebe die USA in das Lager der Autokratien.
Kiesewetter notiert, Russland sehe die Unterstützer der Ukraine als Kriegspartei und den ganzen Westen als Kriegsgegner. Deutschland könne und dürfe sich das nicht schönreden. Der Aggressor definiere, wen er als Gegner oder Partner siehe. Der Aggressor lege fest, ob, wann und wie er eskaliere.
Zwei Faktoren, die Kiesewetter im Vorfeld zum Urteil brachten, Putin meine es mit der im Februar 2022 erfolgten Eskalation ernst: Die russischen Truppen der als Übung deklarierten Truppenmassierung erhielten 2021 mobile Krematorien und rund 100’000 Blutkonserven. Für eine reine Übung benötige man beides nicht. Viel zu aufwendig seien diese Ressourcen. Bei den Krematorien täuschte Kiesewetter sich, wie er einräumt. Sie dienten nicht dazu, russischen Müttern Urnen ihrer gefallenen Söhne zu überbringen. Sie wurden zur Vertuschung russischer Kriegsverbrechen in der Ukraine verwendet.
Kiesewetter betont, der »Friedenskanzler« Olaf Scholz überstimmte den »Klartexter« Boris Pistorius, der schon im April 2023 öffentlich forderte: »Es ist das Normalste der Welt, wenn der Krieg auf das Territorium des Aggressors fortgetragen wird.«
Kiesewetter beklagt, das bei uns weithin geglaubte Narrativ, unser Land sei der zweitgrösste Unterstützer der Ukraine, sei falsch, wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft beeindruckend entlarvt habe. Gut zwei Drittel der deutschen Ukrainehilfen verblieben als Unterstützungsleistung für Geflüchtete in Deutschland. Die Militärhilfe für die Ukraine umfasste bis 2025 nur 0,1 % des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) und kostete die deutsche Bevölkerung Stand 2024 gerade einmal 50 Euro pro Kopf und Jahr. Andere Länder strengten sich wesentlich mehr an.
Roderich Kiesewetter stellt in Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung drei zentrale Thesen auf: 1. Der militärische Angriff Russlands auf ein NATO-Land kann bereits in den nächsten zwei Jahren erfolgen, wenn es uns nicht gelingt, eine integrierte Verteidigung mit entsprechen- der Abschreckung aufzubauen. 2. Die Koalition der Willigen als Koalition entschlossener Staaten ist dann erfolgreich, wenn Deutschland glaubwürdiger Teil davon wird. Wir haben eine historische Chance, wenn sich Deutschland beteiligt. 3. Deutschland wird keine freiheitlich-demokratische Republik bleiben, wie wir sie kennen, wenn These 1 eintritt, also der militärische Angriff erfolgt und These 2 nicht gelingt, also Deutschland Bremsklotz in der Koalition der Willigen bleibt.
Kiesewetter betont, die Staaten China, Russland, Iran und Nordkorea verfolgten ein gemeinsames Metaziel: Die regelbasierte Ordnung solle durch eine multipolare Ordnung mit unterschiedlichen Einflusszonen und Rechtssystemen ersetzt werden. Die speziellen Ziele der CRINK-Staaten könnten dabei verschieden sein. Zunächst wolle jeder für sich seine Einflusszone ausbauen: Russland in Europa, China im Westpazifik und Afrika, der Iran im Nahen und Mittleren Osten – doch ideell wirke dies weltweit. Das Metaziel sei die Zerstörung von Demokratie und Freiheit.
Der CDU-Politiker führt weiter aus, wir dürften den russischen Angriffskrieg nicht isoliert betrachten, sondern müssten hybride Angriffe im Balkan, in Polen, Moldau, Finnland, Dänemark, auf Taiwan, die Angriffe gegen Israel, im Roten Meer, die Angriffe auf Infrastrukturen in Europa und viele weitere Kriege und Konflikte als Polykrisen zusammendenken. Der Systemkrieg läufe bereits.
Die Balten, Finnen und Schweden haben den Ernst der Lage erkannt, während dem in Deutschland eine erschreckende Gelassenheit herrsche: kein Pflichtdienst, keine Serienproduktion der IRIS-T, keine Umsetzungserlasse für den Operationsplan Deutschland, ein erheblich verspätetes Dachgesetz zum Schutz der Kritischen Infrastruktur (KRITIS).
Demokratien seien in der Regel auf Diplomatie als Selbstwert bedacht. Konfliktlösung mit nicht diplomatischen Mitteln liege ihnen fern. Das führe in Demokratien mit fehlender strategischer Kultur häufig dazu, dass Regierungen bewusst »strategische Blindheit« wählten, um keinen gesellschaftlichen Widerstand zu erzeugen oder notwendigen Diskursen auszuweichen. Verhandeln, um nicht handeln zu müssen. Letztlich führte Selbsttäuschung zur Gefährdung der Kernaufgabe des Staates: Schutz der Bürgerinnen und Bürger.
CRINK nutze Smart Power: eine Kombination diplomatischer, militärischer, kognitiver und ökonomischer Mittel. Hybride Angriffe fänden stets nach demselben Muster statt: Energie als Waffe, Flucht und Vertreibung, Desinformation, Wahlmanipulation, Zersetzung, Einschüchterung, Sabotage und Spionage. Hinzu kämen Terrorgruppen als Waffen.
Zu Afghanistan, das Roderich Kiesewetter zu den Schlüsselzonen zählt, notiert der Autor, dass er wusste, welches Material die Truppe dort braucht. Ihm sei klar gewesen, dass sie es nicht bekam: Deutschland stützte sich vorrangig auf US-Fähigkeiten, statt eigenständig zu werden. Das habe auch gezeigt, wie Deutschland seine Soldaten in die Evakuierungsmission 2021 schickte.
In Afghanistan sei ein Vakuum hinterlassen worden, das zunächst die Taliban füllten. Zugleich wurde das strategische geopolitische Interesse von China und anderen gestärkt, Afghanistan als Bezugsquelle von Rohstoffen und für künftige Transportrouten zu nutzen. Überall dort, wo die Taliban versuchen, die politische Macht zu stabilisieren, kämen nun chinesische Überwachungstechniken zum Einsatz. Dadurch werde die humanitäre Situation für die Zivilbevölkerung weiter verschlechtert und ein Terrorregime gefestigt, das die Bevölkerung systematisch terrorisiere, Frauen (ich: insbesondere Mädchen) drangsaliere und Widersacher töte. Der Fall von Afghanistan zeige, wie schnell sich neue Autokratien und Terrorstrukturen etablierten, wenn ein Vakuum entstehe.
Die Änderung der Marine-Doktrin Russlands 2022 bezeichnet Kiesewetter als eine Kampfansage an die regelbasierte Ordnung und Bündnisfreiheit aller Staaten auf Grundlage der Charta von Paris. Sie richte sich gegen den Westen und gegen freie Seewege. Zudem sei die Eingliederung ziviler russischer Schiffe in die Seestreitkräfte das Ende der zivilen Handelsschifffahrt Russlands.
Der Autor hebt die russische Ankündigung 2024 hervor, einseitig Seegrenzen in der Ostsee verschieben zu wollen. Dabei bedauert er, Deutschland fehlten zentrale maritime Fähigkeiten, die auf hybride Bedrohungen angepasst seien und wirksam zur Abschreckung beitragen könnten.
Bezüglich Trumps Idee, Grönland zum 51. Staat der USA zu machen, merkt Kiesewetter an, die Erschliessung von Rohstoffen sei eher schwierig, und die USA hätten bereits eine Basis vor Ort. Es könne Trump deshalb nur darum gehen, als Präsident in die Geschichte einzugehen, der die USA vergrössert habe. Dieses Denken gehe zurück auf Trumps grosses Vorbild, den siebten Präsidenten der USA, Andrew Jackson, und die Frontierbewegung aus dem 19. Jahrhundert. Dieser Geist beseelte heute noch viele US-Amerikaner. Statt nach Ost oder West gehe es nun auch nach Norden und »oben« – der Weltraum als nächste Grenze der US-Zivilisation. Es gehe Trump darum, die USA in alle Richtungen zu vergrössern, wie wir am völkerrechtswidrigen militärischen Eingriff in Venezuela sähen. Trumps Ideen, den Panamakanal, Kanada und Grönland den USA anzuschliessen, seien somit keineswegs als verrückt abzutun.
Kiesewetter erwähnt, dass die DDR Mitte der 1980er-Jahre im gesamten Nahen Osten und Südasien Anzeigen schaltete, in denen sie Migranten »komfortable Flüge« nach Ost-Berlin und einen »schnellen und reibungslosen Transit« in den Westen versprach. Durch Überforderung und Druck der Migration wollte die DDR-Führung wirtschaftliche und politische Zugeständnisse sowie technische Unterstützung der Bundesrepublik erpressen. Mit Erfolg! Eine rechtspopulistische Strömung in Westdeutschland entstand, die Republikaner. Das Vorgehen von Belarus, mit Reisebussen Migranten aus Afrika und Asien an die polnische Grenze zu bringen, bezeichneten wir heute als Form hybrider Kriegsführung. Dies sei also nicht neu.
Bezüglich Migration als Waffe führt CDU-Politiker aus, dies sei eines der effektivsten und »wirtschaftlichsten« Mittel entgrenzter Kriegsführung. Es würden mehrere Ziele erreichbar: die Destabilisierung von Aufnahmegesellschaften, die Überforderung des politischen Reaktionssystems, der Aufstieg rechtspopulistischer und tendenziell russlandfreundlicher Parteien, kognitive Kriegsführung gegen die Bevölkerung und Beeinflussung von Entscheidungsträgern.
In weiteren Kapiteln widmet sich Roderich Kiesewetter verschiedenen möglichen Szenarien und ihrer Wahrscheinlichkeit, dem Thema Abschreckung sowie dem, was Deutschland kann. Im Kapitel Was wollen wir? beschreibt er unter anderem, wie er Deutschlands Rolle sieht. Zudem stellt er Forderungen. Am Ende betont er, wir kennten endlich die Bedrohungslage durch Russland und China. Wir wüssten, dass längst das Gefechtsfeld vorbereitet werde. Russland werde in ein bis zwei Jahren weitere EU- und NATO-Staaten militärisch oder hybrid angreifen. Kiesewetter hebt hervor, das könnten und würden wir verhindern. Er wolle keinen Nationalpazifismus, sondern einen Werte-Patriotismus erzeugen. Ein neues WIR-Gefühl, das Zuwanderer und Einheimische gleichermassen erfasse. Vorbild ist ihm die Anstrengungskultur in Mittel- und Osteuropa sowie in Skandinavien.
Dies sind nur einige Angaben aus einem Buch, das als Pflichtlektüre für sicherheitspolitisch interessierte Bürger bezeichnet werden muss, die die Freiheit bewahren wollen. Kanzler Merz hat (bis heute) leider nichts aus dem Versagen seiner Vorgänger Merkel und Scholz gelernt.
Roderich Kiesewetter: Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung. Ullstein Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, Februar 2026, 288 Seiten. ISBN 978-3-430-21219-9. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und die Biografie bestellen bei Amazon.de.
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Rezension/Buchkritik von Roderich Kiesewetter: Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung vom 22. März 2026. Hinzugefügt um 13:27 deutscher Zeit.