Der Sturz Orbáns

Juli 28, 2026 at 11:09 192

Der Sturz des ungarischen Premierministers kam in dieser Härte – eine Zweidrittelmehrheit gegen ihn – für viele unerwartet. Nicht zuletzt wohl für Viktor Orbán selbst. Und bereits liegt eine Analyse des tiefen Falls vor. Sie stammt von Gergő Papp. Im Mai 2026 unter dem Titel Kiáradt – A Tisza útja a győzelemig bei 21. Század Kiadó in Budapest erschienen, veröffentlichte Ende Juni der Wahrheitsperlen Verlag auch schon die deutsche Übersetzung: Der Sturz Orbáns. Wie eine neue Bewegung in politisches System wegfegte. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei identischem Preis – und bei Amazon.de bestellen.

Gergő Papp wurde 1991 in Ungarn geboren. Er lebt in Budapest und arbeitet als politischer Stratege mit Schwerpunkt auf Oppositionskampagnen. In den vergangenen zehn Jahren war er als Berater für Wahlkämpfe bei National-, Kommunal- sowie bei Europawahlen tätig. Gergö Papp war Politikberater für die liberale Momentum Partei, und er war Berater der EU-Abgeordneten Anna Donáth, die von 2019 bis 2024 die ungarische Momentum-Bewegung in Brüssel als Teil der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE) in der Fraktion Renew Europe vertrat.

Gergő Papp schreibt in Der Sturz Orbáns, in modernen Wahlkampagnen seien viele Faktoren, die früher als entscheidend galten, inzwischen weniger relevant. Weder die Höhe der Ausgaben noch die Zahl der Aktivisten oder die investierten Arbeitsstunden könnten mehr als einige Prozentpunkte bringen. Deshalb lasse sich nicht behaupten, dass der Oppositionsführer Péter Magyar die Wahl allein dank seiner landesweiten Tour, seiner zahlreichen Aktivisten, seiner Online-Inhalte und seiner Flugblätter gewonnen habe. All dies habe es –  wenn auch nicht in dieser Qualität – bereits bei früheren Oppositionspar­teien gegeben. Natürlich seien Kampagneninstrumente notwendige Voraus­setzungen, doch ihr Vorhandensein allein garantiere noch nichts. Das zeige die Geschichte der alten ungari­schen Opposition, die über sechzehn Jahre hinweg immer wieder Niederlagen erlitten habe.

Ich würde einwenden, dass die vereinte Opposition mit Gergely Karácsony (*1975) bereits 2019 Budapest gewann, wo dieser Politiker 2024 – mit lediglich 293 Stimmen Vorsprung – als Oberbürgermeister wiedergewählt wurde. Allerdings gelang dies in der weltoffenen Hauptstadt, nicht in der weitgehend konservativen Provinz. Landesweit „gewann“ Viktor Orbán in der Parlamentswahl 2022 eine Zweidrittelmehrheit. Natürlich finden sich in dem hier besprochen Buch Angaben zur (komplizierten) Lage in Budapest und zur Rivalität zwischen Gergely Karácsony und Péter Magyar.

Gergő Papp kommt zum Schluss, dass das von Viktor Orbán nach dem Fidesz-Wahlsieg 2010 etablierte ungarische Macht- und Ordnungsmodell (Nemzeti Együttműködés Rendszere, kurz NER), ein politisch, wirtschaftlich und medial eng verflochtenes System, in dem staatliche Institutionen, loyale Eliten, öffentliche Mittel und nationale Souveränitätsrhetorik zur dauerhaften Absicherung der Fidesz-Herrschaft verbunden worden seien, 2024 aus zwei Gründen hinweggefegt worden sei: Der eine sei die Person des Oppositionskandidaten Péter Magyar gewesen, der in äusserst kurzer Zeit ein beispielloses politisches Manöver – das sich vielleicht nur mit dem plötzlichen Aufstieg Donald Trumps und dessen poli­tischer Wirkungskraft vergleichen lasse – vollzogen habe, der andere sei die Realität, der tatsächliche Zustand Ungarns, gewesen, denn selbst in einer modernen von Einflussnahme geprägten Öffentlichkeit entwickle diese eine weitaus grössere Wirkung als jede noch so hohe Ausgabe für Propaganda.

Gergő Papps Buch Der Sturz Orbáns. Wie eine neue Bewegung in politisches System wegfegte handelt davon, wie diese zwei Faktoren – Péter Magyar und die ungarische Realität – zusammenfanden.

Der Autor zeigt, dass noch Anfang 2024, obwohl damals bereits kaum noch EU-Gelder nach Ungarn flossen und das Land unter einer Rekordinflation und einer Wirtschaftskrise litt, die Opposition sich darauf vorbereitete, bei der Europawahl im Juni eine vernichtende Niederlage einzufahren. Doch dann publizierte das unabhängige ungarische Nachrichtenportal 444.hu am 2. Februar 2024 einen Bericht zur Staatspräsidentin Katalin Novák, die bereits am 27. April 2023 den ehema­ligen stellvertretenden Leiter des Kinderheims von Bicske begnadigt hatte, der den pädophilen Ex-Direktor des Kinderheims von Bicske gedeckt hatte, sodass dieser der strafrechtlichen Verantwortung entgehen konnte.

Der Präsidentenpalast reagierte erst fünf Stun­den nach Erscheinen der Nachricht: „Unter der Präsidentschaft von Katalin Novák gibt es keine und wird es keine Gnade für Pädophile geben. Gegen Pädophilie gibt es keine Entschuldigung. Wer wegen Pädophilie verurteilt wurde, hat bisher keine präsidiale Begnadi­gung erhalten und wird auch künftig keine erhalten.“ Die regierungsnahe Zeitung Magyar Nemzet veröffentlichte am Abend einen Artikel, der den Begnadigten mit den Worten in Schutz nahm, dass „er [der Vize-Direktor des Kinderheims] an all seinen Arbeitsplätzen geachtet war, seine Fachkenntnisse anerkannt wurden und seine Schüler ihn liebten“.

Gergő Papp zieht hier den Vergleich zu den USA, wo einige Wochen zuvor ein Bundesrichter in New York die Veröffentlichung der Akten in einem Verleumdungsprozess ge­gen Ghislaine Maxwell, die Freundin und Komplizin von Jeffrey Epstein, angeordnet hatte. Das tausend Seiten umfassende Dokument habe keine wirklich neuen Informationen über das Epstein-Netzwerk und dessen sexuellen Missbrauch junger Mädchen enthalten, doch habe die Nennung der Namen von Prinz Andrew, Bill Clinton und Kevin Spacey in offiziellen Unterlagen die Aufmerk­samkeit der amerikanischen Gesellschaft erneut auf den Fall gelenkt, der einmal mehr zeige, dass Sexualverbrechen an Kin­dern den empfindlichsten Punkt der kollektiven Psyche west­licher Gesellschaften berühre. Die Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán, Fidesz, sei auf die falsche Seite eines Themas geraten, bei dem es keinen dif­ferenzierten Zugang und keine funktionierende Gegenerzählung gebe, so unser Autor.

Gergő Papp arbeitete während des Begnadigungsskandals im Stab der Momentum-Europaabgeordneten Anna Donáth. Schon am Tag des Bekanntwerdens der Nachricht habe das Team selbst inmitten der allgemein gedrückten Oppositionsstimmung gespürt, dass hier etwas sehr Schwerwiegendes geschehen war.

Ihm sei schnell klar geworden, schreibt Gergő Papp, dass man diesen Fall bis zur Europawahl nicht loslassen durfte, denn der Fall hatte – über die blosse Deckung eines Pädokriminellen hinaus – mehrere Eigen­schaften, die die Lage der Regierungspartei nahezu unhaltbar machten: Die politische Verantwortlichkeit war klar (Staatspräsidentin Katalin Novák; Justizministerin Judit Varga, die die Entscheidung der Staats­präsidentin gegengezeichnet hatte, obwohl sie nach eigenen Angaben eine Ablehnung empfohlen hatte; Premierminister Viktor Orbán, der Katalin Novák nach dem Rücktritt des früheren Staatspräsidenten János Áder persönlich ausgewählt hatte). Hinzu kam, dass eine praktisch unlösbare Lage geschaffen worden sei, denn der stellvertretende Heimleiter konnte nicht erneut eingesperrt werden, verbrachte seine Tage also in Freiheit. Diese Ohnmacht habe die ungarische Gesellschaft dazu gezwungen, ihren Zorn auf die genannten politischen Verant­wortlichen zu richten.

Obwohl Momentum in der Angelegenheit viel tat, sei der nachfolgende Sturz der Staatspräsidentin nicht der Erfolg der damaligen Opposition gewesen, so Gergő Papp. Nicht die Reaktion der Opposition, das Weglaufen der Berater der Präsidentin oder deren schwaches Krisenmanagement seien entscheiden gewesen, sondern die Wirklichkeit: Die Staatspräsidentin hatte einem Helfer eines Pädokriminellen Gnade gewährt, und es kam heraus. Punkt.

Die Opposition witterte Blut. Die ehemalige Justizministerin Judit Varga war die Fidesz-Spitzenkandidatin im Europawahlkampf. Doch vor allem riefen die Ereignisse einen neuen Akteur auf das politische Parkett. Am 10. Februar 2024 schrieb Péter Magyar, der frühere Ehemann von Judit Varga, in einem empörten Beitrag auf Facebook, dass er mit der Regierungsseite breche und von seinen Positio­nen in staatlichen Unternehmen zurücktrete. „Ich will nicht eine Minute lang Teil eines Systems sein, in dem die eigentlichen Verant­wortlichen sich hinter Frauenröcken verstecken, in dem die Tónis, Ádáms und Barbaras ins Fäustchen lachen, während sie ohne jedes Nachdenken diejenigen opfern, die im Gegensatz zu ihnen nie für ihre eigenen materiellen Interessen, sondern im Interesse ihres Landes und ihrer Landsleute gearbeitet haben.“

Gergő Papp schildert in seinem Buch, wie nach dem Rücktritt von Katalin Novák und Judit Varga sich die oppositionelle Öffentlichkeit nicht beruhigte. Viele hätten davon gesprochen, dass die moralischen Grundlagen der Fidesz-Politik, die sich auf eine konservativ wirkende Ideologie stützte, unter anderem auf Kinder- und Familienschutz, durch diesen Fall in Frage gestellt worden seien. Zwei Jahre nach der Wahl in 2022, die Fidesz erneut eine Zweidrittelmehrheit gebracht hatte, habe die Öffentlich­keit zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass das Orbán-System vielleicht gebrochen werden könne, allerdings nicht dank der damaligen Oppositionsparteien, sondern wegen seiner eigenen Fehler.

Péter Magyars Facebook-Bei­trag habe genau diese Stimmung getroffen. Endlich schien die Zeit gekommen, in der interne Konflikte innerhalb der Regierungspartei an die Öffentlichkeit traten und Viktor Orbán seinen eigenen Machtzirkel nicht mehr zusammen­ halten konnte. Magyar sei damals nicht als Person interessant gewesen – in Ungarn habe ihn praktisch niemand gekannt – sondern als mögliche „erste Schwalbe, die den Sommer verkündet“ und der später viele andere folgen könnten.

Der Text von Péter Magyars Facebook-Bei­trag habe dem entsprochen, wie ihn sich die oppositionelle Welt einen enttäuschten Fidesz-Anhänger vorstellte: „Lange habe ich an eine Idee geglaubt, an ein nationales, souveränes, bürgerliches Ungarn, und viele Jahre lang habe ich mit meinen bescheidenen Mitteln ver­ sucht, dazu beizutragen, dass dies Wirklichkeit wird. Aber in den letzten Jahren musste ich langsam und nun endgültig erkennen, dass all dies tatsächlich nur ein politisches Produkt ist, eine Zuckerglasur, die nur zwei Zwecke erfüllt: die Verschleierung des Funktionierens der Machtmaschine und das Einstecken ungeheurer Vermögen.“

Péter Magyar sei damals als Ex-Ehemann von Judit Varga identifiziert worden – womit zugleich seine Nähe zur Regierung und zu den oberen Ebenen der Fidesz betont worden sei. Kaum mehr als vierundzwanzig Stunden nach Veröffentlichung seines Facebook-Beitrags gab er am Abend des 11. Februar 2024 dem unabhängigen Nachrichtenkanal Partizán auf Youtube ein Interview, in dem er nachlegte, und das grosse Beachtung fand.

Péter Magyar sprach über seine Verbindung zu Fidesz, darüber, dass er 2002 nach einer Rede von Viktor Orbán der Partei beitrat, und dass er während der regierungsfeindlichen Demonstrationen 2006, gemeinsam mit Regierungssprecher Gergely Gulyás den von der Polizei festgenommenen Demons­tranten half. Ihn störte, dass seine Kinder in einer „Familien-Aktiengesellschaft“ aufwachsen müssten, wenn das System weiterhin so funktioniere. Gergő Papp unterstreicht, auch im Umfeld von Fidesz sei der Reichtum und der demonstrative Lebensstil von Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz und anderen Familienmitgliedern Orbáns vielen Menschen sauer aufgestossen. Nach der Begnadigungsaffäre seien daher selbst in konservativen Kreisen viele für solche Kritik empfänglich gewesen. Offen griff Magyar zudem Orbáns Kommunikationschef Antal Rogán an, den er mit Kar­dinal Richelieu verglich, dem Ersten Minister von König Ludwig XIII., der mit unerbittlichen Methoden grösstenteils im Hintergrund den französischen Staat lenkte. Magyar stellte Rogán als Symbol der Verformung des Systems dar, der gleichzeitig die Kommuni­kation, die Geheimdienste, staatliche Aufträge und Propaganda­kampagnen kontrolliere, ohne Rechenschaft abgeben zu müssen. Magyar deutete sogar an, dass Rogán den Ministerpräsidenten beeinflussen konnte, indem er die zuerst bei ihm eintreffenden Umfragedaten in bestimmter Weise aufbereitete.

Laut Papp griff Magyar nicht den obersten Anführer Viktor Orbán an, sondern positionierte sich eher als konservativer Systemkritiker. Er legte die Funktionsweise des Systems offen, benannte den „inneren“ Kern (Antal Rogán, Gergely Gulyás, Balázs Orbán und Márton Nagy), dessen Mitglieder unabhängig von den Regierungssitzungen die eigentlichen Entscheidungen innerhalb von Fidesz trafen. Diese Namen stellten laut Papp keine Neuigkeit dar, doch auf­grund der Glaubwürdigkeit einer „Insider“-Quelle hätten die Zuschauer das Gefühl gehabt, Einblick in die verborgenen Mechanismen der Macht zu erhalten.

Neu sei hingegen Magyars Schilderung gewesen, wie er im Jahr 2020 ins Karmeliterkloster (Ministerpräsidentenamt) einbestellt worden sei, um seine damals laufende Scheidung von Judit Varga zu besprechen. In späteren Interviews erklärte Magyar, dass er damals mit Antal Rogán gesprochen habe, der auf eine schnelle, diskrete Scheidung drängte und Magyar eine diploma­tische Laufbahn in Aussicht stellte, damit er den EU-Wahlkampf seiner Ex-Ehefrau nicht störe. Magyar sei dieser Erwartung nicht nachgekommen, woraufhin das Amt für Regierungskontrolle (Kormányzati Ellenőrzési Hivatal) in die Büros des von ihm ge­leiteten Zentrums für Studentendarlehen (Diákhitel Centrum) gekommen sei und seine Datenträger beschlagnahmt habe. Seine Regierungskontakte hätten ihm, Magyar, mitgeteilt, dass dies eine Warnung an ihn sei.

Laut Gergő Papp zeigte Péter Magyar im Partizán-Interview anhand dieses konkreten Falls, wie das von vielen als „Mafiastaat“ bezeichnete System funktionierte. Die eigentliche Neuheit des Interviews sei gewesen, dass nicht ein Analyst den oppositionellen Zuschauern die ohnehin bekannten Machtstrukturen erklärte, sondern ein Insider, der mit konkreten Namen und Geschichten kam, nicht mit abstrakten Vorwürfen. Laut Gergő Papp habe Péter Magyar zu diesem Zeitpunkt noch eine politische Rolle ausgeschlossen und dabei sichtbar aufrichtig gewirkt.

Doch es kam anders. Das Partizán-Video erreichte in­nerhalb eines halben Tages eine halbe Million Aufrufe, die Face­book-Seite von Péter Magyar begann extrem schnell zu wachsen, und schon am nächsten Tag habe jeder über ihn gesprochen, so unser Autor. Péter Magyar nutzte das Fenster der Gelegenheit und trat bereits wenige Monate später, im Juni 2024 bei der Europawahl an. Dabei schloss er eine Zusammenarbeit mit der alten Opposition aus. Er konnte allerdings in so kurzer Zeit keine eigene Partei gründen, weshalb er eine bereits existierende übernehmen musste. In Ungarn gab es damals fast 200 eingetragene Parteien. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen stiessen Magyar und seine Mitstreiter auf die im Oktober 2020 gegründete Partei Tisztelet és Szabadság (kurz Tisza; auf Deutsch: „Respekt und Freiheit“).

Gergő Papp erläutert, dass zwei Männer aus Eger die Partei gegründet hatten um bei der Parlamentswahl 2022 einhundertsechs Kandidaten aufzustellen und „zweieinhalb Millionen unentschlossene Wäh­ler“ anzusprechen. Dies sei eine liebenswürdig naive Vorstellung gewesen, die natürlich gescheitert sei. Sie konnten bei der Wahl keine Kandidaten aufstellen. Die inzwischen inaktive, ideologie­freie, bürgerlich-konservative Partei sei für Péter Magyar und sein Team eine hervorragende Wahl gewesen, da in keine Affären verwickelt. Zudem verweise die Abkürzung „Tisza“ auf den gleichnamigen Fluss und passe sehr gut zu Péter Magyars nationalpopulistischem Profil und Stil, der nicht die städtische Intelligenz, sondern die breitere Bevölkerung ansprechen sollte.

Gergő Papp erwähnt auch, dass Boldizsár Deák, einer der zwei Parteigründer, nicht rein zufällig nach Magyars Eintreffen aus der Partei ausgetreten war. Laut seiner aufgetauchten Agentenakte hatte er noch im Kádár-Regime für den (kommunistischen) Geheimdienst gearbeitet. Die Episode der Parteisuche habe Péter Magyar zudem eine wichtige Lehre erteilt, zu der sich auch Viktor Orbán bekannt habe, den Maygar ja lange Zeit verehrt hatte: Es lohnt sich nicht, Kompromisse zu schliessen, die Macht zu teilen und sich, um die vermeintlichen Regeln der Politik zu scheren. Nur die Zielerreichung zählt, und dahin führen am sichersten Stärke und Selbstvertrauen.

Mit diesen wenigen Angaben ist bereits klar, dass dieses detailreiche, kritische Buch Pflichtlektüre zu Péter Magyar und zum Ende des Systems-Orbán ist. Weitere Kapitel drehen sich zum Beispiel um die Strategie Magyars, nicht die bereits Überzeugten, sondern die Fidesz-Wähler zu gewinnen, die Europawahl 2024, bei der Tisza aus dem Stand auf 29,6% kam und sich als führende Oppositionspartei etablierte, während dem Orbáns Fidesz-KDNP mit 44,8% das schwächste EU-Ergebnis ihrer Geschichte einfuhr, um den Ötkert-Skandal, bei dem sich Magyar als Teflon-Politiker erwies, um ein angebliches Sexvideo mit Magyar, das nie auftauchte, weil es dies wohl nicht gab, um den Einfluss des US-Präsidenten Trump, des rechtspopulistischen amerikanischen Kommentators Tucker Carlson und des US-Vizepräsidenten JD Vance auf die ungarische Politik, um die Nähe Orbáns zum russischen Präsidenten Putin sowie von Aussenminister Szijjártó zu seinem russischen Amtskollegen Lawrow, etc.

Gergő Papp folgert am Ende seines Buches, Viktor Orbáns grösster Fehler habe nicht darin bestanden, einen schlechten Wahlkampf geführt zu haben, sondern der Ministerpräsident habe die Ursachen der Zweidrittelsiege von 2010, 2014, 2018 und 2022 falsch eingeschätzt. Mehrere Millionen Ungarn hätten nicht notwendigerweise die Politik des Fidesz und dessen Vi­sion unterstützt, sondern sie hielten die Alternative einfach für schlechter. Als mit Péter Magyar eine echte Alternative erschien, sei der bisherige Fidesz-Vorteil verpufft.

Gergő Papp:: Der Sturz Orbáns. Wie eine neue Bewegung in politisches System wegfegte. Wahrheitsperlen Verlag, 2026, 368 Seiten. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei identischem Preis – und bei Amazon.de bestellen.

Zitate und Teilzitate in dieser Rezension/Buchkritik von Der Sturz Orbáns. Wie eine neue Bewegung in politisches System wegfegte sind der besseren Lesbarkeit wegen nicht zwischen Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt.

Rezension vom 28. Juli 2026. Hinzugefügt um 11:09 Schweizer Zeit.