Ein Regimewechsel im Iran ist notwendig, doch das Regime verfügt über das Gewaltmonopol

Jan. 12, 2026 at 10:20 571

Ein Regimewechsel im Iran ist notwendig, längst überfällig, doch das Regime verfügt über das Gewaltmonopol. Bei den jüngsten, Ende Dezember 2025 einsetzenden Protesten sind bereits mindestens 500 Personen — wenn nicht Tausende — getötet worden. Die Revolutionsgarden und andere Ali Khamenei (auch Chamenei) hörige Akteure im Iran gehen skrupellos, mit äusserster Gewalt gegen die Demonstranten vor. Ohne Hilfe von aussen ist das Regime kaum zu stürzen. Es bräuchte Millionen in den Strassen, die von den Pasderan bzw. Basidschi nicht alle erschossen werden können, was ich schon 2018 und erneut bei den Mahsa Amini-Protesten 2022 schrieb.

Die Opposition ist führungslos, zerstritten, unorganisiert, ohne Waffen, zum Teil im Exil, im Gefängnis oder vom Regime ermordet worden. Die Rede von den „Moderaten“ im Iran ist Augenwischerei. Es gibt keine Moderaten des Regimes, so wie es keine moderaten Taliban gibt. Ali Khamenei und die Revolutionsgarden müssen weg. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Die Iraner haben 1979 den letzten Schah, Reza Pahlavi, verjagt, weil sie sein korruptes und brutales Regime nicht mehr ertrugen. Wenn heute einige der Demonstranten nicht nur „Tod dem Diktator“ (Ali Khamenei), sondern auch „lang lebe der Schah“ rufen, so muss dennoch davon ausgegangen werden, dass die Mehrheit der Demonstranten keine Rückkehr zur Monarchie will. Selbst der jüngste Sohn des verstorbenen Schahs, der wie auch zum Beispiel kurdische politische Gruppen und der Koordinierungsrat der aserbaidschanischen Parteien mehrfach zu Protesten aufrief, bringt sich (bislang) vor allem als Übergangsfigur zur Etablierung der Demokratie im Iran ins Spiel, bis faire und freie Wahlen stattfinden, auch wenn er insgeheim vielleicht auf eine längerfristige Rolle hofft.

Immerhin ist es bei den jetzigen Protesten so, dass neben Studenten auch die Bazaari mitmachen, von denen die aktuellen Demonstrationen ausgingen, weil die iranische Währung gegenüber dem Dollar 2025 rund die Hälfte ihres Wertes verlor. Die Inflation und der Zerfall der iranischen Währung haben die einfachen Leute ebenso wie Angehörige der Mittelklasse und selbst Teile der Oberklasse schwer getroffen. Viele Händler (Bazaari) haben ihre Läden geschlossen, streiken und protestieren. Bereits beim Sturz des Schahs 1979 spielten sie eine wichtige Rolle. Es bräuchte heute zudem einige wichtige Kleriker, die sich auf die Seite der Demonstranten stellen, und vor allem Menschen mit Waffen, die sich den Protesten anschliessen. Bis jetzt stehen die Revolutionsgarden hinter dem Regime. Teile der Armee, die weniger vom Regime kontrolliert wird, könnten sich laut einigen Beobachtern am ehesten den Demonstranten anschliessen.

Die Islamische Revolutionsgarde (Pasdaran) besteht aus verschiedenen Kräften, unter denen die Freiwilligenmiliz Basidsch (Englisch: Basij) mit ihren wohl Hunderttausenden von Mitgliedern die stärkste Kraft darstellen. Sie haben im Gegensatz zu den Demonstranten im Iran Waffen, von denen sie skrupellos Gebrauch machen. Sie stehen bis jetzt klar hinter Ali Khamenei. Zudem pflegen die iranischen Kleriker und ihre Machthaber den Märtyrerkult. Der Versuch eines Regimewechsel könnte daher sehr blutig werden. Die Milizen bzw. weite Teile davon könnten zudem in einem Bürgerkrieg unabhängig vom Obersten Führer bzw. dem Regime agieren.

Das iranische Regime kontrolliert laut Schätzungen gut die Hälfte bis zu zwei Dritteln der Wirtschaft. Das bedeutet nicht nur viel Macht, sondern auch, dass das Regime ökonomisch sehr viel zu verlieren hat. Dennoch hat die überwiegende Mehrheit der Iraner — um die 80%, nach unüberprüfbaren Schätzungen — die Nase voll von Ali Khamenei und seinem korrupten, unfähigen, brutalen, pseudo-religiösen Regime.

Donald Trump hat mit der Operation Absolute Resolve in Venezuela gezeigt, dass er durchaus gewillt ist, das Militär und Spezialkräfte einzusetzen, um einen Diktator zu stürzen. Allerdings geht es ihm in Venezuela bis jetzt laut seinen öffentlichen Äusserungen um das Erdöl, nicht um einen Regimewechsel, nicht um die Wiederherstellung der Demokratie. Wie Venezuela bräuchte der Iran allerdings einen Regimewechsel, damit sich dauerhaft etwas ändert. Für die USA wäre es geopolitisch natürlich ideal, wenn neben dem Land mit den grössten Erdölreserven der Welt, Venezuela, mit dem Iran noch ein zweiter bedeutender Erdölstaat aus der Allianz der Diktatoren, zu denen an erster Stelle China und Russland gehören, herausgebrochen würde.

Beim sogenannten Zwölftagekrieg zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 unterstützte Donald Trump die miliärische Intervention der Regierung Netanjahu, bei der Teile des Regimes und Atomwissenschaftler ausgeschaltet und die iranischen Nuklearanlagen teilweise zerstört bzw. stark beschädigt wurden. Damals liess Donald Trump verlauten, er habe das Leben von Ali Khamenei geschont. Wäre er nun bereit, ihn auszuschalten? Ein Regimewechsel im Iran wird schwierig, da Hunderttausende eng mit dem Regime verbunden sind, das, wie oben erwähnt, die Wirtschaft weitgehend beherrscht. Trump sieht sich als „Friedenspräsident“, Teile seiner MAGA-Unterstützer sind Isolationisten. Er setzt bisher auf massive Luftschläge und gezielte, kurze Einsätze von Spezialtruppen am Boden (Syrien, Somalia, Nigeria, Yemen, Iran, Venezuela). Einen (grossen) Krieg will er unbedingt vermeiden. Bei Massentötungen von Demonstranten durch das Regime ist er zu Aktionen gegen den Iran bereit, wobei unklar ist, an welche konkreten Massnahmen er denkt. Gleichzeitig ist klar, das Netanjahus Regierung ebenfalls bereit ist, erneut gegen den Iran vorzugehen.

In Venezuela beschützten kubanische Leibwächter, chinesische Radarsysteme, russische Buk-M2, Pantsir und tragbare Flugabwehrsysteme vom Typ Igla-S sowie iranische Mohajer-6 und andere Drohnen erfolglos das Regime des illegitimen, weil 2024 de facto abgewählten Präsidenten Maduro, der in einer spektakulären Operation zusammen mit seiner mitschuldigen Frau in die USA gebracht wurde, wo er sich vor Gericht verantworten muss.

Im Iran dürfte ein Regimewechsel wohl extrem blutig verlaufen, da sich die Revolutionsgarden wohl mit allen Mitteln wehren würden. Bereits bis jetzt haben sie zumindest Hunderte, wenn nicht Tausende von Demonstranten getötet, die für Freiheit auf die Strasse gehen. Sollten sie weiter kämpfen — danach sieht es zur Zeit aus —, dann brauchen die Iraner die Unterstützung des Westens. Warme Worte aus den USA und Europa allein werden nicht reichen. Massenkundgebungen in Hongkong, Belarus und anderswo, bei denen die klare Mehrheit der Bevölkerung weitgehend friedlich für Freiheit und Demokratie auf die Strasse ging, haben gezeigt, dass Regime, die bereit sind, skrupellos ihr Gewaltmonopol einzusetzen, kaum gewaltlos zum Einsturz gebracht werden können. Sollen diese Menschen nun weitere Jahrzehnte in einer Diktatur leben?

Allerdings sollten die Oppositionellen sich organisieren und sich mit dem Westen koordinieren. Doch das wollen viele im jeweiligen In- und Ausland nicht. Es wird als unrechtmässige Einmischung von aussen interpretiert, obwohl es um die (Wieder-) Herstellung der Demokratie geht. Sollte der „Plan“ der Trump-Administration und der Netanjahu-Regierung sein, wir lassen den Sohn des Schahs zum Aufstand aufrufen und schauen, was dann passiert, dann droht wieder Chaos bzw. ein Disaster wie in Vietnam, im Irak, in Afghanistan oder in Libyen. Beim nation building ist der Westen in den letzten Jahrzehnten immer wieder kläglich gescheitert, weil es an soliden Plänen für die Zeit nach dem Regimewechsel fehlte, weil auf die falschen Akteure gesetzt sowie Ordnung und Gesetz nicht konsequent durchgesetzt wurden, obwohl dies das Völkerrecht Besetzungsmächten als Pflicht auferlegt, weil alle zuschauten, wie die Korruption aus dem Ruder lief und die neuen Regierungen sich diskredierten.

Kommentare von der Seitenlinie sind leicht, die Realität komplex, vernünftiges Handeln, das dauerhaften Frieden und Demokratie bringt, kompliziert. Insbesondere in Europa gehen wohlfeile Reden leicht über die Lippen, an konkreten Taten fehlt es allzu oft. Trump und seiner Regierung sind durchdachte Pläne noch weniger zuzutrauen als den früheren Präsidenten und Vorgängerregierungen.

Das iranische Regime steht unter erhöhtem Druck. Die jahrzehntelangen Sanktionen, Misswirtschaft, Korruption und der Klimawandel setzen dem Land zu. In der Hauptstadt kam und kommt es zu Wassermangel. Inflation und Währungsschwäche bewogen vor kurzem Präsident Massud Peseschkian, einen neuen Zentralbankchef einzusetzen. Der Präsident kündigte zudem an, dass nun viele Iraner auf Untersützungszahlungen von rund $7 pro Monat zählen können. Doch der Iran ist weitgehend Pleite. Die Inflation könnte so weiter angeheizt werden. Gleichzeitig setzt das Regime auf Repression. Der oberste Staatsanwalt, Mohammad Movahedi Azad, kündigte am 10. Januar 2026 an, dass der Staat „ohne Nachsicht, Gnade oder Beschwichtigung“ gegen Randalierer vorgehen werde, die er als „Feinde Gottes“ bezeichnete, was im Iran mit der Todesstrafe geahndet wird.

Das iranische Regime steht so sehr unter Druck, dass es seit Tagen das Internet und das Telefonnetz weitgehend abgeschaltet hat, damit sich die landesweit aktiven Demonstranten nicht organisieren können und brutale Aktionen der Revolutionsgarden und anderer Sicherheitskräfte keine weite Verbreitung finden. GPS-Signale, auf denen Elon Musks auch im Iran verbreitete Starlink-Satelliten basieren, werden weitgehend gestört. Das Mullah-Regime wackelt, doch es fällt (noch) nicht. Präsident Massud Peseschkian hatte im Dezember 2025 gesagt, er könne die Probleme (Inflation, fehlendes Wasser, höhere Energiepreise) der Iraner nicht lösen. Da wundert es nicht, dass die Leute für einen tiefgreifenden Wandel auf die Strasse gehen.

Lektüre zum Thema Iran von Ali Sadrzadeh: Ali Khamenei. Aufstieg und Herrschaft. Kohlhammer Verlag, 2025, 263 Seiten. ISBN 978-3-17-046309-7. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.

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Artikel vom 12. Januar 2026. Hinzugefügt um 10:20 deutscher Zeit. Um 10:50 das Wort „solid“  eingefügt bei „an soliden Plänen“.