Canaletto & Bellotto im Kunsthistorischen Museum in Wien

Mai 29, 2026 at 10:22 271

Giovanni Antonio Canal (1697–1768), bekannt als der eigentliche Canaletto, und sein Neffe und Schüler Bernardo Bellotto (1722–1780), der sich selbst oft Canaletto nannte, um diese enge familiäre Verbindung hervorzuheben, haben mit ihren Veduten, die mit Hilfe optischer Geräte wie der Camera obscura entstanden, unsere Vorstellung des 18. Jahrhunderts geprägt. Beiden Künstlern geht es um das Einfangen von Stimmung, Atmosphäre und Licht, aber auch um architektonische Genauigkeit und städtisches Alltagsleben.

Seit dem 24. März und noch bis am 6. September 2026 zeigt das Kunsthistorische Museum (KHM) in Wien die Ausstellung Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien. Wie der Kurator der Ausstellung, Mateusz Mayer, im gleichnamigen Katalog betont, handelt es sich bei den Veduten von Canaletto und Bellotto nicht um unmittelbare, beinahe fotografische Abbilder der Realität, sondern um sorgfältig konstruierte Bildschöpfungen, die aufschlussreiche Einblicke in die sozialen und politischen Kontexte ihrer Entstehungszeit eröffnen.

Der gleichnamige Katalog, Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien, herausgegeben von Mateusz Mayer, 2026 erschienen im Hirmer Verlag, mit 192 Seiten mit 169 Abbildungen, 24 x 18 cm, Hardcover. ISBN: 978-3-7774-4754-4. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.

Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien. Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Zur Ausstellung Canaletto: Bernardo Bellotto paints Europe in der Alten Pinakothek in München 2014-2015 notierte ich: „Bernardo Bellotto was a painting historian who offered closeness-to-life, snapshots, stage directions, idealized and hybrid perspectives, manipulated yet precisely surveyed views.“

Antonio Canal und Bernardo Bellotto zog es nach Anfängen und Ruhm in Venedig in die weite Welt. In den 1730er Jahren erzielten Canalettos Veduten in Venedig Höchstpreise. Mit dem Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740–1748) brach der Markt jedoch ein, da der internationale Reiseverkehr stockte, viel weniger zahlungskräftige Kundschaft auf die „Grand Tour“ ging.

Canaletto reiste nach London, Bellotto war in Wien, München, Dresden und Warschau tätig. Mateusz Mayer notiert im Katalog, dass sich Canaletto in London mit den Unwägbarkeiten des freien Marktes auseinanderzusetzen hatte, während dem Bellotto nach Dresden zog, um eine Festanstellung als Hofmaler beim Kurfürsten von Sachsen und König von Polen anzunehmen. Während der nächsten zehn Jahre schuf er dort einige seiner berühmtesten Stadtansichten. Damit führte er die venezianische Vedute über ihren Ursprungsort hinaus und passte ihr Vokabular an die politischen und kulturellen Ansprüche neuer Auftraggeber und Städte an.

Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum (KHM) beginnt in Venedig und behandelt anschliessend Canalettos England-Aufenthalt sowie Bellottos Wirkungsstätten in Dresden und Wien, wobei der Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit der Vedute als Bildgattung liegt.

Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien. Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner.

Bernardo Bellotto in Wien

Bernardo Bellotto kam Anfang 1759 nach Wien und blieb bis Anfang 1761. Obgleich er nur zwei Jahre in der Hauptstadt des Habsburgerreiches verweilte, schuf er eine beachtliche Werkgruppe: Erhalten sind zehn grössere Gemälde von Schlössern und Gärten sowie sechs kleinere Ansichten von Stadtplätzen und Strassen (die vermutlich als Pendants gedacht waren). Mateusz Mayer notiert dazu zudem in seinem umfangreichen Katalog-Kapitel zu Bellotto in Wien, dass frühere topografische Ansichten der Stadt weitestgehend auf Druckgrafiken beschränkt waren, wie jene von Joseph Emanuel Fischer von Erlach und Johann Adam Delsenbach sowie jene von Salomon Kleiner. Bernardo Bellotto griff häufig auf diese Vorbilder zurück, verlieh seinen Sujets jedoch neue malerische Autorität und kompositorische Grandezza. So wie Canaletto seine venezianische Bildsprache angepasst hatte, um Londons aufstrebende Ambitionen einzufangen, adaptierte Bellotto die Vedutenmalerei an das Habsburgerreich und stellte Wien nicht nur topografisch präzise, sondern auch ideologisch konnotiert dar.

Bellottos früheste Wiener Aufträge scheinen laut Mateusz Mayer eher privater Natur gewesen zu sein. Sein Zugang zum Kaiserhaus ergab sich wohl erst durch aristokratische Netzwerke. Wenn diese Hypothese stimmt, dann war Bellottos erstes Wiener Gemälde wahrscheinlich seine Ansicht des Palais Kaunitz. Der Kurator und Herausgeber des Ausstellungskatalogs vermutet, dass Bellottos Zutritt zur Wiener Gesellschaft vermutlich durch den kurfürstlich-sächsischen und königlich-polnischen Premierminister Graf Brühl eingefädelt wurde, dessen langjährige politische Verbindung zum österreichischen Staatskanzler Wenzel Anton von Kaunitz entscheidend gewesen sein dürfte. Kaunitz hatte beträchtliches politisches Gewicht und und zeichnete sich durch leidenschaftliche Sammellust aus. Er könnte Bellotto bei der Wiener Elite eingeführt haben, doch nicht, ohne ihn zuvor selbst zu beschäftigen.

Im KHM in Wien ist unter anderem Bellottos Werk Das Palais Kaunitz mit Garten in Wien (1759/60, Öl auf Leinwand, 134 × 237 cm) aus dem Szépművészeti Múzeum in Budapest zu bewundern. Laut Mateusz Mayer ursprünglich ein Lusthaus aus dem späten 17. Jahrhundert, war das Anwesen in der Mariahilfer Vorstadt erst kürzlich im barocken Stil umgestaltet worden, nachdem es Kaunitz 1753 erworben hatte. Bellottos grossformatiges Gemälde zeigt die Residenz von einer Seitenterrasse mit Blick auf den geometrisch angelegten Garten – der im Wesentlichen dem heutigen Esterházypark entspricht. Von diesem erhöhten Standpunkt aus erstreckt sich der Blick über die Vorstadt Richtung Innenstadt: Zur Linken ragt die Mariahilfer Kirche (1714– 1726) empor, zur Rechten steht das Palais und dazwischen entfaltet sich die Silhouette Wiens – von der Kuppel der Karlskirche und dem Turm der Paulanerkirche (1717) bis zur Kuppel der Salesianerinnenkirche (1717–1730) und dem Schloss Belvedere auf seinem Hügel.

Mateusz Mayer betont, die Neuheit von Bellottos Gemälde Das Palais Kaunitz mit Garten in Wien liege vor allem in der Gestaltung der Staffagefiguren. Denn den Vordergrund dominiert eine sich gegen die Balustrade lehnende Figur, höchstwahrscheinlich Kaunitz selbst, der sich elegant die Hand in die Weste steckt, während ein Sekretär ihm ein Dokument präsentiert und ein Dienstbote mit einem Glas Wasser bereitsteht. Dies sei das erste Mal in Bellottos Œuvre, dass ein Mäzen so prominent in Szene gesetzt wird. Obwohl die Porträtähnlichkeit des Gesichts wahrlich begrenzt sei, verwandle Kaunitz’ Pose, Kleidung und Umgebung die Vedute in einen Akt politischer Imagepflege. Kaunitz werde als aufgeklärter Staatsmann und Gebieter von Geschmack präsentiert, ein Image, das sowohl mit seinem Ruf als scharfsinniger Geist übereinstimme als auch mit der Eitelkeit, für die er häufig kritisiert worden sei.

Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien. Ausstellungsansicht © KHM-Museumsverband, Foto: Jakob Gsöllpointner.

Canalettos Werk Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore

Die Wiener Ausstellung zeigt 32 herausragende Gemälde von Canaletto und Bellotto – sowohl Werke aus dem Kunsthistorischen Museum als auch hochkarätige Leihgaben. Um auch den intellektuellen und künstlerischen Kontext dieser Epoche zu verdeutlichen, ergänzen weitere Gemälde, Druckgrafiken und wissenschaftliche Instrumente aus zahlreichen europäischen Museen die Schau.

Mateusz Mayer hebt als einen Höhepunkt der Ausstellung Antonio Canals Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus (ca. 1735/44; 129.2 x 188.9 cm) hervor, das Francis Seymour-Conway – der spätere 1. Marquis von Hertford – während seiner Grand Tour von 1737 bis 1740 in Auftrag gab. Laut dem Wiener Kurator demonstriert diese Arbeit, dass Canaletto, wenngleich viele seiner Werke kleiner wurden, für die elitärsten Kunden weiterhin große Formate verwendete. Nebenbei bemerkt erwarb Francis Seymour-Conway damals u.a. zudem Canalettos Venedig: Der Bacino di San Marco vom Canale della Giudecca aus (ca. 1735-44; 130.2 x 190.8 cm), das sich heute ebenfalls in der Wallace Collection befindet, die jedem London-Besucher wärmstens zu empfehlen ist.

Mateusz Mayer notiert zu Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus, dass Canaletto in diesem Gemälde die architekto­nischen Sehenswürdigkeiten sorgfältig herausgearbeitet hat, darunter den Palazzo Ducale, den Campanile di San Marco, die Kirche Santa Maria della Salute sowie Venedigs Zollgebäude Dogana da Mar. Das dynamische Wechselspiel von Vorder-, Mittel- und Hintergrund bereichere den visuellen Rhythmus der Komposition. Der dreieckige Kai im Vorder­grund werde von Figuren belebt, die Venedigs sozialer Schichtung entsprechen: ein sitzender Bettler zur Rechten, osmanische Kaufleute in der Mitte und zwei mit einem Advokaten in ein Gespräch verwickelte Geistliche zur Linken.

Mateusz Mayer betont, die Lagune im Mittelgrund des Gemäldes werde durch Gondeln, eine von einer barca gezogenen burchiello-Passagierbarke und grössere Schiffe unter niederländischer, britischer und venezianischer Flagge mit Leben erfüllt. Diese maritimen Elemente unterstreichten gemeinsam mit der dahinter liegenden monumentalen Architektur die Identität Venedigs als florierendes Handelszentrum. Die kompositorische Ausgewogenheit sei deutlich: Die Vertikalen der Bootsmaste korres­pondieren mit den Kirchtürmen und Kuppeln am Horizont; mehrere durch den Bildrand abgeschnittene Schiffe suggerierten, dass das geschäftige Treiben auf dem Wasser auch noch weit über den Bilder­rahmen hinausreiche. Die gewölbten Segel wirkten indes der horizontalen Ausdehnung der Szene entgegen, die mit Canalettos berühmtem strah­lend blauen Himmel und dramatischen weisen Wolken ausgefüllt sei.

Mateusz Mayer unterstreicht, dass das Werk Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore wie viele erfolgreiche Kompositionen von Canaletto stark von seinem theatralischen Flair lebe. Canaletto sei mit der Theaterwelt bestens vertraut gewesen, da sein Vater Bernardo Canal (1664–1744) ein geschätzter Bühnengestalter war, bei dem er von 1716 bis 1718 in die Lehre ging, bevor er sich 1720 der Zunft der venezia­nischen Maler (Fraglia dei Pittori) anschloss.

Der Kurator und Autor unterstreicht, durch diese Lehrjahre lernte Canaletto höchstwahrscheinlich die Regeln der Perspektiv­konstruktion und der Geometrie kennen, wie sie im Bühnenbild Anwendung fanden – eine Tradition, die auf Abhandlungen von Sebastiano Serlio, Nicola Sabbattini und Andrea Pozzo fusst. Sie alle beschäftigten sich mit der Aufgabe, illusionistische Tiefe zu erzeugen. Später kulminierten diese Bestrebungen in fortgeschritteneren Formen der Winkelperspektive (prospettiva per angolo), wie sie Ferdinando Galli Bibiena in seinem Werk L’Architettura civile (1711) erarbeitet hat.

Mateusz Mayer betont, mit der Zentralperspektive der Renaissance sei hier zugunsten mehrerer Fluchtpunkte gebrochen worden, die in entgegengesetzte Richtungen zielten und so einen immersiveren Raum entstehen liessen. Obwohl Canaletto – wie technische Studien nahelegen – seine Gemälde nicht geometrisch konstruierte, komme sein Gespür für Kulissen dennoch in seinem räumlichen Verständnis deutlich zum Ausdruck. Der Kai auf dem Gemälde Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore fungiere wie eine Bühne, die den Betrachter mit ihren entgegengesetzten Fluchtlinien förmlich in die Szene hineinziehe.

Dies sind nur einige wenige herausgepickte Details aus dem lesenswerten und reich illusstrierten Ausstellungskatalog von Mateusz Mayer: Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien, Hirmer Verlag, 2026, mit 192 Seiten mit 169 Abbildungen, 24 x 18 cm, Hardcover. ISBN: 978-3-7774-4754-4. Cookies akzeptieren – wir erhalten eine Kommission bei unverändertem Preis – und das Buch bestellen bei Amazon.de.

Siehe auch die Artikel zu Bernardo Bellotto am Sächsischen Hof und zu Bellottos Zeichnungen. Wer nach Warschau reist, sollte dort das Königliche Schloss besuchen, das mit bedeutenden Veduten von Bellotto aufwartet. Siehe auch die englische Biografie zu Bellotto im Artikel zur Ausstellung in der Alten Pinakothek in München 2014/15.

Zitate und Teilzitate in dieser Rezension/Buchkritik von Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien sind der besseren Lesbarkeit wegen nicht zwischen Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt.

Rezension/Buchkritik von Canaletto & Bellotto. Beobachtung und Erfindung in Venedig, London und Wien vom 29. Mai 2026. Hinzugefügt um 10:22 deutscher Zeit. Detail ergänzt um 10:28.